Dienstag, 23. Dezember 2014

33: Kuriositätenkabinett 2014

Hi there!

Zum Abschluss des Jahres 2014 beabsichtige ich, mich einer eher banalen und doch wunderbar unterhaltsamen Beschäftigungsmöglichkeit für einen Sprachbeschreiber zu widmen: Auffällig formulierte Schriftstücke, die ich dieses Jahr sammeln konnte, präsentieren und kommentieren. Folgen Sie mir in ein klitzekleines Kabinett der Kuriositäten des Sprachgebrauchs.

Hm... Wenn Sie mal jemandem mit angestrengt gesenktem Kopf durch die Strassen laufen sehen, dann dürfte es sich also um einen Head and Shoulders-Nutzer handeln. "Idiomatikignoranz" bei der Wortwahl nenne ich das. Unter "Augenkontakt" versteht man bei uns nicht in erster Linie, dass etwas mit den Augen in Berührung kommt. Aber das merkt nicht jeder...

Dieses Problem macht mannigfaltig Mühe, auch im Blick am Abend: Hat man einen weiblichen Chef oder eine weibliche Chefin? Wählt man das Oxymoron oder den Pleonasmus?  Hier jedenfalls musste ich schmunzeln. Sie auch? Da haben's etwa die anglophonen Personen einfacher... Warum muss man jedem Nomen unbedingt das Geschlecht ansehen? Von den französischen Anpassungsregeln will ich gar nicht erst anfangen... Und apropos political correctness:


Meine sehr verehrten Poulets und Pouletinnen... Bzw. im Französischen "poulette" und im Italienischen "polla"..? Ja, man kann's auch übertreiben mit der sprachlichen "Gleichheit" - die durch dieses Vorgehen sowieso nicht erreicht wird. Es kommen an unserer Hochschule gelegentlich DozentInnen vor, die ausschliesslich weibliche Personenbezeichnungen gebrauchen, die also etwa nur vom Beruf der Übersetzerin sprechen. Dass das ihrer eigenen Argumentation folgend nicht weniger diskriminierend ist, wird anscheinend nicht realisiert oder bewusst in Kauf genommen.

Wo soll ich da anfangen... Also, das Grundwort "Seminar" ist kein Name, man muss also von "das Nachtseminar Winterthur" sprechen. "Musikbegeisterte DJs"... "Grüblerische Philosophen"... "Naturverbundene Bauern"... "Grosse Riesen"... "Nasses Wasser"... ...alles auf der selben Kreativitätsstufe. Zudem gibt es den Genitiv-Apostroph nur im Englischen; auf Deutsch signalisiert er, das etwas ausgelassen wurde. Zu guter letzt fehlt das Komma, das den Nebensatz einleitet (DJs, die...). Lauter postmoderne Trendfehler - als leidenschaftlicher Korrekturleser weiss ich, wovon ich rede.

Leset und staunet...

Jaja, wieder einmal eine unglücklich konstruierte Syntax. Da kommen die mit ausreichender linguistic awareness ausgestatteten Personen wie der gute Oli hier aus allen Ecken gekrochen und haben ihren Spass dran.

Wie meinen, Blick am Abend? Ob Frauen grösser sein dürfen als der Partner des Lesers, oder ob Frauen grösser sein dürfen als der eine Partner, den sie sich teilen?




Kicher kicher. Tja, wieder ist Weltwissen für das richtige Verständnis eines Kompositums gefragt. Da war eine oder einer ganz witzig und konnte sich einen Hinweis darauf nicht verkneifen.
Bei der Erstellung dieser Umfrage war wohl der Ermittlerausschuss zur Entlarvung von Menschenhändlern beteiligt...



Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Und vergessen Sie nicht: Die sprachlichen Kuriositäten sind überall. Open your eyes. Und es sei wieder einmal erwähnt: Wenn Sie was Schönes finden, dann machen Sie doch ein Foto und lassen Sie's mir zukommen, damit die Welt mitkichern und -studieren kann. Danke und frohe Festtage, wir sehen uns nach der Winterpause ( mal schauen, wie lang die dauert... ich sach' mal Mitte Februar)!

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 8. Dezember 2014

32: Inspiriert vom Känguru #3: Sprachliche Manifestation

"Ich kann nich' Auto fahren", sagt das Känguru. "Ich habe meine Führerscheinprüfung abgebrochen, weil ich Rechts vor Links nicht akzeptieren wollte." "Wie?!". "Warum Rechts vor Links? Warum nicht Links vor Rechts? Sogar in Australien gibt's Links vor Rechts, und das Heimatland meiner Vorfahren kann sich sonst nicht gerade einer sehr fortschrittlichen Politik rühmen." "Was?". "Da muss man doch ma' drüber reden!". "Wie?". "Ich meine, wenn wir eins aus der Frauenbewegung gelernt haben, dann isses doch, dass sich Unterdrückungsmuster schon in der Sprache manifestieren!". "Was?". "Liebe LeserInnen", sagt das Känguru mit großem I. "Wie?". "Hast du n' Hänger?!", fragt das Känguru. (...) "Soll ich dir ma' auf'n Hinterkopf hau'n?". "Was?". Das Känguru haut mir auf den Hinterkopf. "Ey!", sage ich. "Dekonstruktivismus!", sagt das Känguru. "Kenn' ich", sage ich. "Na also! Rechts vor Links, das is' ein reaktionär-konservatives Unterdrückungsmuster, manifestiert in der StVO!". "Was?". "Ich mein' warum Rechts vor Links? Warum nich' Links vor Rechts? Warum?". "Weiß nich'", sage ich. "Das hat mein Fahrlehrer auch gesagt, das konnt' ich so nicht akzeptieren! Da bin ich trotzdem zuerst gefahr'n!". "Konsequent", sage ich. "Ich meine warum heißt es Recht haben und nicht Link haben?". "Hm", sage ich. "Warum ist ein rechtes Ding positiv konnotiert, ein linkes Ding negativ?". "Hm". "Warum spricht ein Richter nicht Link?". "Hm." "Wahrscheinlich weil er ein rechter Sack ist!", sagt das Känguru. 
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2009): Die Känguru-Chroniken)

Recht hast du, Känguruh: Die Sprache ist immer wieder auch Spiegel der Kultur, in der sie gesprochen und von der sie folglich beeinflusst und geformt wird. Sprache lebt. Das sehen wir nur schon daran, dass es unregelmässige Verbformen gibt: Diese sind in der Regel das Resultat von mündlicher Weitergabe. Was sich verbreitet, das setzt sich durch, wie zum Beispiel auch das Wort "Keks", das dadurch entstand, dass das deutsche Backwarenunternehmen Bahlsen eins seiner Produkte "Leibniz-Cakes" nannte, was die Deutschen so mangelhaft aussprachen, dass dann schliesslich "Keks" daraus wurde. In diesem Wort manifestiert sich also quasi die Inkompetenz der meisten Deutschen in Bezug auf die Aussprache englischer Wörter.

Faszinierend ist in dieser Hinsicht besonders das Projekt DDR-Duden. Damals im Osten, wo ja das Känguru auch viele Jahre verbrachte, wollte die sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) die Sprache der BürgerInnen quasi auf die Staatsideologie "zuschneiden". Das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen beschrieb 1973 den Unterschied der Sprache des "Arbeiter- und Bauernstaats" zum "Westdeutschen" folgendermassen:

"Das grammatische Grundsystem der Sprache zeigt keine ins Gewicht fallenden Differenzierungen. Der Anteil der Unterschiede im Wortschatz dürfte bisher sicher noch unter 3 Prozent liegen. Schwerpunkte eines abweichenden Wortschatzes liegen insbesondere im politisch-ideologischen Bereich, bei den Begriffen aus dem Berufsleben und aus der Wirtschaft sowie im Bereich von Bildung und Kultur."

Germanist Willi Steinberg lobte den Duden-Ost, weil er "alle Wörter führt, die das Heldentum der Arbeit und die Taten unserer Menschen für Frieden und Fortschritt widerspiegeln". Wörter, die der "richtigen Gesinnung des Volkes" abträglich schienen, wurden kurzerhand gestrichen, darunter "Meinungsfreiheit", "Weltreise", "Kreuzfahrt" oder "Republikflucht". Um durch die Zustimmung der BürgerInnen gegebene Legitimität des Staates und seiner Organe vorzutäuschen, wurden aus zahlreichen Wörtern mit dem Bestimmungswort "Volk-" Komposita gebastelt wie "Volksrichter", "Volkspolizei", "Volksuniversität", "Volksgesundheit", "Volksfeind", "Volkszeitung" und der zu Kopfschütteln mit Grinsen anregende Pleonasmus "Volksdemokratie" sowie die "Volkswahl" und natürlich die "Volksrepublik". Vereinzelt wurde auch versucht, Worte zu ersetzen statt verschwinden zu lassen. Aber den Osterhasen zum "Frühjahrschokoladenhohlkörper", den Weihnachtsengel zur "Jahresendflügelfigur" und Nudeln oder Kartoffeln zu "Sättigungsbeilagen" zu machen, darf wohl als etwas sehr gewagter Versuch der Abhebung vom "Klassenfeind" im Westen bezeichnet werden. Bestehende Begriffe erhielten auch vermehrt veränderte Definitionen:

Parlamentarismus (Westen, 1954): Beschränkung demokratischen Handelns auf das Parlament
Parlamentarismus (Osten, 1957): bürgerliche Regierungsform, in der formal das Parlament die Politik bestimmt

Bourgeoisie (Westen, 1973): (wohlhabender) Bürgerstand (auch: durch Wohlleben entartetes Bürgertum)
Bourgeoisie (Osten, 1969): die herrschende Klasse in der kapitalist. Gesellschaft

Kapitalismus (Westen, 1973): Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, deren treibende Kraft das (übersteigerte) Gewinnstreben einzelner ist
Kapitalismus (Osten, 1969): Gesellschaftsformation und Produktionsweise, die auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und auf der Ausbeutung der Lohnarbeiter beruht

Verrückt, nicht? Für mich als Student der angewandten Linguistik sind die Hintergedanken der Bestrebungen der SED zwar verständlich; die Sprache ist so eng mit der Kultur verflochten, dass es sehr wertvoll wäre, wenn die beiden einander jeweils neu angepasst werden könnten. Aber so eine "sprachliche Umerziehung" lässt sich nicht ohne weiteres durchziehen, es wird eben gesprochen, wie gesprochen wird, manches setzt sich durch, manches nicht. Aber das Känguru hat auch in der heutigen Sprache erneut eine Manifestation entdeckt...

"Es heißt ja - und das nicht zu Unrecht - Geben sei seliger denn nehmen", sagt das Känguru. "Auch ist allen klar, dass man dem Geber Dank schuldet, wohingegen der Nehmer zu danken hat. Und da Sprache eine Waffe ist, lassen Sie mich kurz etwas über die Begriffe Arbeitgeber und Arbeitnehmer klar stellen, bevor wir dieses sogenannte Bewerbungsgespräch fortführen." Der Personalchef ihm gegenüber zuckt mit den Achseln. (...) "Arbeitgeber und Arbeitnehmer", sagt das Känguru, "diese beiden Worte sind falsch. Es sind Wortzusammensetzungen nur geschaffen um die Wahrheit zu verdrehen, die Arbeitenden zu verwirren, ja, es sind Klassenkampfkomposita - bitte beachten Sie die gelungene Alliteration. Eigentlich ist nämlich der sogenannte Arbeitgeber der Arbeitnehmer und der Arbeitnehmer der Arbeitgeber. Der Arbeitnehmer nämlich gibt seine Arbeit dem Arbeitgeber und der Arbeitgeber nimmt die Arbeit des Arbeitnehmers und verwertet diese zu seinem Gewinn. (...) Da ich mich nicht an dieser Verblendung des Volkes beteiligen möchte", sagt das Känguru, "bitte ich um Ihr Verständnis dafür, dass ich diese beiden Worte im vertauschten oder vielmehr vertauscht scheinenden aber eigentlich richtigen Sinn benutzen werde." 
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2014): Die Känguru-Offenbarung)

Vielleicht fällt Ihnen ja auch mal so etwas auf..? Watch your language.

-Der Sprachbeschreiber

Quellen:

http://www.stiftikus.de/material/FALK.pdf
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45876620.html

Montag, 24. November 2014

31: Rettet das Rumantsch..?

Der Kommentar ist eine tolle Textsorte. Da darf man als Journalist den Leuten zur Abwechslung mal so richtig die Meinung geigen. Und ich habe dereinst sogar einen Kommentar schreiben dürfen. Für ein Dossier rund um Sprache und Kultur des Kantons Graubünden, das wir an der Hochschule verfassten, sammelte ich zunächst Daten zur Sprachverwendung des Rätoromanischen und kommentierte den entsprechenden Bericht anschliessend. So stand es im Jahr 2000 (von da stammten vor zwei Jahren die aktuellsten vollständigen Daten) um das Rätoromanische:


Rang 10. Nicht nur die drei anderen Landessprachen, sondern ganze 6 weitere Varietäten werden in der Schweiz häufiger gesprochen. Zunächst war meine undifferenzierte Haltung: "Naja, wenn das keiner mehr benutzt, dann lasst es halt sterben." Die habe ich eigentlich immer noch. Ich musste allerdings einen kritischen Kommentar verfassen. Und beim Planen fand ich plötzlich Gefallen an der Vorstellung, mich gegen das Verschwinden der rätoromanischen Sprache auszusprechen. Ich schrieb und schrieb, ich schrieb mich in einen regelrechten Rausch, und ich bin durchaus glücklich mit dem reisserischen Text, der am Ende entstanden war. Bitte sehr:

Das Aussterben des Rätoromanischen
Die Zahlen zeigen es unmissverständlich: Die rätoromanische Sprache fristet mittlerweile ein beispielloses Aussenseiterdasein – sogar in ihrem Heimatkanton Graubünden. Welche Überlegungen löst diese Entwicklung bei kritischen Denkern aus? Im Folgenden ein Kommentar, der versucht, aufzuzeigen, was dabei auf dem Spiel steht, und welche Gefahren der Dynamik hinter diesem Prozess innewohnen.

Es lebe der Pragmatismus
Das Rätoromanische befindet sich auf dem Rückzug. Langsam verabschiedet es sich aus der Welt, wie der Röhrenfernseher, das Handy mit Tastatur und vielleicht sogar das Bankgeheimnis. Bei letzterem allerdings wird erbittert gegen das Verschwinden angekämpft. Es handle sich immerhin um ein Schweizer Markenzeichen, eine wertvolle Einzigartigkeit, auf die wir stolz sein könnten. Etwas, das die Schweiz zu dem mache, was sie sei – regelrechtes Kulturgut! So etwas ist doch schützenswert, nicht? Anscheinend nicht immer.

Ist das Rumantsch etwa kein „echtes Stück Schweiz“, kein kostbares Einzelstück, das einen nicht unerheblichen Farbton zu unserer bunten Kulturlandschaft beiträgt? Offenbar wird dieses Thema mit grosser Gleichgültigkeit und viel Pragmatismus behandelt. Nehmt lieber Deutsch, das ist praktischer. Bringt euren Kindern kein Rätoromanisch bei, das sorgt nur für Verwirrung und hat keinerlei praktischen Nutzen. Man muss sich ganz einfach fragen: Ist eine Sprache nicht mehr als ein Werkzeug für Kommunikation? Ist sie nicht Kultur, Identität, ein Stück Heimat?

Wenn die Leute eine Sprache zum Mittel zum Zweck herabstufen und  letztlich dazu bereit sind, sie der Einfachheit halber aussterben zu lassen, dann ist das bedenklich. Das Regime des spanischen Diktators Francisco Franco erhob seinerzeit das Kastilische zur einzigen Landessprache und untersagte die Verwendung aller übrigen Varietäten. Die aktuellen Entwicklungen scheinen zu einer unbewusst voranschreitenden Ausrottung des Rätoromanischen zu führen, die in ihren Auswirkungen letztlich einem Verbot nahezu gleichkäme.

Entwicklungen wie diese, der die Bündner Sprache zum Opfer zu fallen droht, sind charakteristisch für die Megatrends der Zukunft, die sich heutzutage am stärksten in der Technik zeigen: Miniaturisierung, Funktionsintegration – es muss alles schneller, einfacher, unkomplizierter gehen. Denken Sie an Geräte wie das iPhone. Es vereint auf engstem Raum ein Telefon, einen Taschenrechner, einen MP3-Player, eine Fotokamera und noch vieles mehr. Man braucht weniger Geräte und hat mehr Platz. So zeigen sich diese Trends in der Technik. Es besteht nun die Tendenz, dass diese ihren Einfluss im grossen Stil ausweiten und auch andere Bereiche des menschlichen Lebens beeinflussen. So gerät über kurz oder lang die kulturelle Vielfalt in die Schusslinie, in diesem Fall die sprachliche Diversität – sie erhöht den Aufwand für Kommunikation und somit auch den Aufwand in allen Bereichen, in denen kommuniziert wird. Eine Reduktion aufs Deutsche würde den Trends entsprechend vieles einfacher, praktischer gestalten. Daraus könnte dem Rätoromanischen diese Bedrohung erwachsen sein, die sich schleichend vergrössert hat. Bald ist es wahrscheinlich zu spät für Rettungsaktionen.

Möglicherweise wird die Germanisierung des Bündnerlandes in absehbarer Zeit nicht mehr zu bremsen sein. Wie geht es dann weiter? Man könnte dann irgendwann auch darauf kommen, dass das Französische und das Italienische dem Deutschen in der Schweiz im Weg stehen. Wenn diese beiden abgeschafft wären, könnte man zum Beispiel endlich Schluss machen mit all den unübersichtlichen dreisprachigen Produktbeschriftungen! Und wozu braucht jeder deutschschweizerischer Dialekt seine eigenen, charakteristischen Ausdrücke? Ein Vereinheitlichungsprogramm würde vieles vereinfachen. Irgendwann wäre die Schweiz dann ein wahrhaft einheitliches, unkompliziertes Land. Tod der Vielfalt, es lebe der Pragmatismus.

Was für eine aufregende Vision! Ist es das, was wir letztlich anstreben, worauf unsere gesamte Kultur hinarbeitet, bewusst oder unbewusst? Niemand scheint diese Frage zu stellen. Die Antwort könnte erschreckend ausfallen. Beschäftigen wir uns mit dem Problem des übersteigerten Pragmatismus, und fangen wir am besten gleich exemplarisch bei der Bedrohung des Rätoromanischen an. Es gibt ein Kulturgut zu retten und zugleich noch etwas über die postmoderne Gesellschaft zu lernen.

Denken Sie drüber nach. Meinungen in den Kommentaren sind erlaubt.

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 10. November 2014

30: Inspiriert vom Känguru #2: So geht das Sprichwort nich'!

"Also?", fragt das Känguru. "Was?", frage ich. "Ich hör' dich nicht singen", sagt das Känguru. "Das liegt daran, dass ich nicht singen werde", sage ich. "Wieso denn nich'?", fragt das Känguru. "Weil ich gar keine Lust auf deine blöde Geschichte habe", sage ich. "Na na, was is' uns denn für eine Maus über die Leber gelaufen?", fragt das Känguru. "Erstens is' uns gar nichts über die Leber gelaufen, und wenn uns was über die Leber gelaufen wäre, dann wäre das zweitens eine Laus und keine Maus gewesen". "Wieso?", fragt das Känguru. "Weil man das eben so sagt, verdammt nochmal, eine Laus läuft über die Leber, eine Laus, keine Maus!". "Was soll denn das für einen Sinn ergeben?", fragt das Känguru. "Was weiß ich", rufe ich. "So geht das Scheiß-Sprichwort nun mal! Eine Laus läuft über die Leber!". "Diese Antwort befriedigt mich nicht", sagt das Känguru. "Man darf nie aufhören, alles kritisch zu hinterfragen!". "Ah ja?", sage ich. "Dann hinterfrag mal das: Fick dich!". "Das is' wirklich keine Art", sagt das Känguru. Schweigen.
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2009): Die Känguru-Chroniken)



Es gibt, wie Ihnen vielleicht bekannt ist, verschiedenste Dinge, die mich gelegentlich so ein klein wenig stören können, wenn ich andere reden höre. Eins davon ist, wie bei unserem guten Marc-Uwe hier, ungenaues Zitieren. Es kommt immer wieder vor: Jemand zitiert etwa eine Stelle aus einem guten Buch oder Lied oder ein Sprichwort - was an und für sich meist schön und gut ist, da es die Sprache bunter und reichhaltiger macht - gibt aber nicht den genauen Wortlaut wieder. Und warum stört mich das? Weil coole Stellen aus guten Büchern oder Liedern und etablierte Sprichwörter aus bestimmten Gründen genau so formuliert wurden, wie sie eben formuliert sind. Das ist zu einem grossen Teil für Wirkung und Erfolg solcher Texte verantwortlich. Und über diese Wirkung und die Wege, die dort hin führen, möchte ich in diesem Blogeintrag schreiben. Ich spreche von der "Redekunst", der Rhetorik. Und mit dieser müssen wir uns kurz auseinandersetzen, wenn wir die Frage des Kängurus befriedigend beantworten wollen.

Rhetorische Mittel beeinflussen unsere Wahrnehmung eines Textes. Sie stimulieren gewissermassen den Verstand und fördern Lesegenuss und Einprägsamkeit. Reime empfinden wir etwa als schön und einprägsam. Einfaches Beispiel: Songtexte. Wenn die sich nicht reimen würden - wären Sie dann genauso begeistert von Ihrem Lieblingssong? Weiteres Beispiel: Eselsbrücken. Die soll man sich ja merken können. Wenn Sie die studieren, wird Ihnen vornehmlich der Reim begegnen. Was rhetorische Mittel anbelangt, gibt's da aber noch so einiges mehr. Auf der höheren Ebene finden sich da unter anderem der Vergleich, die Wiederholung, die Verdeutlichung, das Zitat, die Steigerung, der Gegensatz oder natürlich die rhetorische Frage. Inhalte aus dem Rhetorikarsenal auf einer tieferen Ebene zeigt die folgende Liste aus einer ZHAW-Textanalysevorlesung:


Ob bezaubernde Gedichte, fesselnde Romane oder beeindruckende Reden - erfolgreiche wirkungsvolle Texte bedienen sich stets eines gewissen Masses an rhetorischen Mitteln. Meine kommunikationswissenschaftliche Arbeit im vierten Semester hat am Beispiel von Predigten bestätigt, dass der Einsatz rhetorischer Darstellungsmittel ein entscheidender Faktor ist, wenn es darum geht, ob und wie Leute die wichtigsten Aussagen eines Vortrages verstehen. Unser Gehirn scheint Freude zu haben an solchen Mitteln, vielleicht deswegen, weil es dabei Muster mit einer gewissen Ordnung in der sonst so beliebigen Sprache erkennen kann. Man kann seine Aussagen dem Gehirn so quasi sprachlich unter die Nase halten, sie ihm schmackhaft machen und ihm einen Moment lang die Gelegenheit offerieren, sie auf seine Weise aufzunehmen.

Der "Witz" hinter dem beim Känguru erwähnten Sprichwort liegt nun meines Erachtens in der Alliteration: Laus und Leber können's gut zusammen. Deswegen läuft da keine Maus, kein Wildkaninchen und kein Okapi. Dennoch muss ich dem Känguru in puncto Hinterfragen Recht geben - inhaltlich ist die ganze Sache damit noch nicht so recht geklärt. Meine Recherchen ergaben, dass in früheren Zeiten die Leber als Sitz der Gefühle angesehen wurde. Deswegen stellte man sich bildhaft vor, dass da etwas drüber"gelaufen" sein müsse, wenn jemand griesgrämig war. Man benutzt die Redewendung auch nur dann, wenn jemand ein klein wenig mies gelaunt ist; entsprechend ist die Grösse des Tiers ausgefallen.

Na, was gelernt? Mal sehen, wie's beim Känguru aussieht...

"Biste eingeschnappt?", fragt das Känguru. "Wieso?", frage ich eingeschnappt. "Wieso sollte ich eingeschnappt sein?". "Weiß nich'", sagt das Känguru."Aber du wirkst wie eine kleine beleidigte Teewurst." "Leberwurst." "Nein nein, Teewurst, man sagt Teewurst." "Tut man nich'". "Doch." Ich verdrehe die Augen. "Na von mir aus", sage ich. "Dem Klügeren wird nachgegeben!", sagt das Känguru. "So geht das Sprichwort nich'!". "Doch." "Nein!" "Doch." "Wie du meinst..." "Siehst du?".
(Aus: Kling, Marc-Uwe (2014): Die Känguru-Offenbarung)

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 27. Oktober 2014

29: Über einen Abend mit Bastian Sick

Da sah ich doch letztens ein Plakat am Strassenrand: Bastian Sick, vielleicht der kommerziell erfolgreichste Sprachbeschreiber der Geschichte, würde am 16. Oktober in Zürich auftreten. Mir war sogleich klar: Nichts wie hin! Im Folgenden ein Bericht über den Abend, den ich nebst Freundin im Volkshaus erleben durfte.


"Füllen Sie sich wie zu Hause" - so der Titel des Programms, ein laut Broschüre für Bastian Sick geradezu charakteristisches Wortspiel, das nicht nur banale Wortspielerei ist, sondern einen gewollten neuen Sinn hat: Man solle den Abend nutzen, um den eigenen Verstand mit Bonmots, Sprachspielereien und allerlei anderem Interessantem und Skurrilem anzureichern.

Die Vorstellung beginnt mit einem Video, in dem Herr Sick erst einmal ausführlich vorgestellt wird. Man erfährt, dass er zuerst Lehrer werden wollte, dann aber Korrekturleser wurde, durch seine Kolumne "Zwiebelfisch" deutschlandweit bekannt wurde und in Zusammenarbeit mit anderen Experten in der Köln-Arena die Guinness-zertifizierte grösste Deutschstunde der Welt abgehalten hat. Mittlerweile hat er im Auftrag des Goethe-Instituts mit seinen Vorstellungen und Lesungen auch Südamerika und weite Teile Europas besucht. Nach dem Video tritt Herr Sick dann persönlich auf die Bühne. Er berichtet zum Einstieg von der Rolle der Vögel in unserer Sprache. Obwohl wir sie doch eigentlich bewundern würden, dienten sie in der deutschen Sprache doch eher für das Ausdrücken von Spott und Hohn. Er berichtet von Rabenmüttern, Schmutzfinken und Dreckspatzen, Nachteulen, Schluckspechten und Schnapsdrosseln. Doch Vorsicht - Drossel hiess ursprünglich "Kehle", daher ist mit letzterem eigentlich kein Vogel gemeint. Auch der Kuckuck ist in der Sprache zumeist buchstäblich ein falscher Vogel, da er als Platzhalter für den Teufel zu dienen pflegte, dessen Name im Mittelalter auszusprechen sich viele nicht trauten (ich liebe diesen Satz. Eigenkonstrukt. Nicht abgekupfert, ehrlich). "Und dann kriegen wir an den Augen Krähenfüsse und an den Füssen Hühneraugen! Solche anatomischen Wunder machen die Vögel in unserer Sprache möglich, meine Damen und Herren!".

Sick liest aus Zeitungen vor: "Der junge Mann wurde von dem Hund verfolgt, attackiert, gebissen - und ambulant ärztlich versorgt." Wir erfahren, dass die in Amerika einfallenden Europäer in der Regel einen Indianerstamm aus der Gegend nach den Namen der umliegenden Stämme fragten. Wie sehr bzw. eben wie wenig sich diese Stämme mochten, kann man den Namen ansehen: Hinter klingenden Bezeichnungen wie Sioux, Apache oder Cheyenne verstecken sich Bedeutungen wie "Feinde", "die zu Fuss gehen" (der benennende Stamm hatte bereits Pferde), "kleine Anderssprechende" oder "Bauern". Fast alle Stämme haben kaum bekannte Namen für sich selbst, die "Menschen/Volk" bedeuten. Es geht weiter mit fotografischen Dokumentationen sprachlicher Missgeschicke. "Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein... falsch gedacht, weit ist der arme Junge nicht gekommen: Dieser Laden hier verkauft Hänschen-Geschnetzeltes!". Auch das beleckte Brötchen, die Länder Belgesien, Spananien oder Grieschland, das Popmone, ein vierköpfiges Alpentrio, Outdoormode für draussen oder ein Google-Hopf strapazieren die Lachmuskeln und zeigen unter anderem die Abhängigkeit des postmodernen Deutschen von elektronischen Schreibhilfen.

In der englischen Zeitung "The Guardian" habe sich kürzlich ein Journalist mit den ellenlangen Komposita der deutschen Sprache befasst, mit diesem Beispiel als Aufhänger, für das er ganze 13 Worte zur Erklärung gebraucht habe:


Es gebe sogar einen offiziellen Weltrekord für das längste Wort der Welt, erzählt Sick. Dieses Faktum führt er dann sogleich ad absurdum, indem er einen neuen Weltrekord bastelt, der da lautet: "Unterhaltungselektronikeinzelhandelverkäuferweiterbildungswochendendseminarteilnehmerliste". Dann eines der grossen Sorgenkinder meinerseits: Die post moderne Getrennt Schreibung. Da werben Firmen mit Slogans wie "24 Monate ohne Grund Gebühr" oder "Wir machen Ihren Computer fit und Viren resistent" - grosse Klasse. Autonamen regen Sicks Fantasie an: FIAT = Fahrer Im Auftrag des Todes. GOLF = Ganz Ohne Luxus Fahren. OPEL = Offensichtlicher Pfusch eines Lehrlings. SEAT = Sehen. Einsteigen. Aussteigen. Totlachen. BMW = Bei Mercedes Weggeworfen. FORD = Für Opa Reicht Das. Und wussten Sie, dass "möchte" der Konjunktiv 2 von "mögen" ist? Es gibt dennoch Grammatiktabellen, in denen "möchten" als eigenständiges Verb durchkonjugiert wird: Ich möchtete, ich werde gemöchtet haben. Vom veraltenden Konjunktiv 2 - von Sick mit einem tollen Gedicht gewürdigt - wird übrigens in einer von einem deutschen Bundesamt herausgegebenen Heft mit dem Titel "Leichte Sprache" abgeraten, genauso wie etwa vom Genitiv oder von angeblich schwierigen Wörtern wie "genehmigen", das man etwa durch "erlauben" ersetzen solle. "Darauf werde ich mir im Hotel erstmal ordentlich einen erlauben", meint Sick dazu.

Nun, wie ist die ganze Sache zu bewerten? Bastian Sick bleibt seiner Linie treu, er bringt bis auf ein paar meiner Meinung nach mässig begeisternde Gesangseinlagen nichts völlig Neues in sein Programm ein. Aber es funktioniert, die Leute halten sich den Bauch vor lachen und lernen was. Denn dass sich Sick treu bleibt, erlangt seine Berechtigung doch gerade vor allem daraus, dass sich die durchschnittliche Sprachkompetenz im deutschen Sprachraum kaum in Richtung einer Besserung sich zu bewegen im Begriff ist. Also sage ich: Klasse, weiter so, Herr Sick! Sie sind für mich ein Vorbild - sprachliches "Infotainment" vom Feinsten machen Sie da.

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 13. Oktober 2014

28: Inspiriert vom Känguru #1: Die Meinung des Autors

"Ich habe ein Manifest verfasst voller Witz und Weisheit", schimpfe ich innerlich brodelnd, "einen Fels in der Brandung stumpfer Pipikaka-Witze, eine Rettungsboje für alle, die etwas faul dünkt an dieser widerwärtigen Weltordnung, ein Buch voll tucholskyschem Witz, voll orwellscher Weitsicht, voll beckettscher Radikalität..." "Voll goethescher Bescheidenheit", wirft das Känguru ein. "Eine grosse Satire über ein idealistisches wenn auch leider wahnsinniges Känguru und seinen flexiblen, belastbaren, innovativen, kreativen, teamfähigen, begeisterungsfähigen und kreativen Begleiter..." "So beruhige dich doch", sagt mein Agent eindringlich, "bitte bitte, die Leute kucken schon..." "LASS SIE DOCH KUCKEN! ICH BIN KÜNSTLER! DIE LEUTE SOLLEN MIR ZUKUCKEN! ICH BIN KÜNSTLER!" "Kleinkünstler", sagt das Känguru. "NEIN NEIN NEIN!" rufe ich, "KÜNSTLER! Nichts geringeres als einen modernen Don Quijote habe ich verfasst! (...)". Aus: Kling, Marc-Uwe: Die Känguru-Offenbarung (2014)

Willkommen zu einer neuen Eintragsreihe, liebe LeserInnen!
Diese Serie greift Ausschnitte aus einer Buch- bzw. Hörbuchtrilogie auf, die in der einleitenden Passage quasi von sich selbst vorgestellt wird und die mich als grossen Fan gewonnen hat. Alles beginnt damit, dass ein kommunistisches Känguru beim Kleinkünstler Marc-Uwe einzieht und damit anfängt, dessen Leben ordentlich auf den Kopf zu stellen. Immer wieder finden sich in den gesellschaftskritischen und zum Schreien komischen Büchern spannende & witzige Passagen, die sich mit Sprache beschäftigen. Steilvorlagen, die ich für Blogposts zu nutzen gedenke.

Beginnen möchte ich mit einer weiteren Passage aus Teil 3, der Känguru-Offenbarung. Deren Thema hat mich in letzter Zeit besonders beim Scrollen auf Facebook beschäftigt:

Ich zeige dem Känguru meinen Becher und es liest: "'Wir sind die erste Generation in der Geschichte, welche die extreme Armut abschaffen kann. Das ist unser Glück, unsere Herausforderung und unsere Verantwortung. -Jeffrey Sachs'". Das Känguru blickt mich an. "Was ist daran lustig?". "Das Kleingedruckte unten". Das Känguru liest vor: "'Das ist die Meinung des Autors und nicht notwendigerweise die Meinung von Starbucks'". "Ist es nicht schön, wenn die PR-Abteilung und die Rechtsabteilung so wunderbar Hand in Hand arbeiten?", frage ich. "Ich finde, andere Konzerne sollten das übernehmen. Zum Beispiel: 'Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. -Antoine de Saint-Exupéry. Das ist die Meinung des Autors und nicht notwendigerweise die Meinung von Fielmann.'". "'Nicht notwendigerweise die Meinung', das ist so feige!", sagt das Känguru kopfschüttelnd. "Das regt mich wirklich auf! Entweder man macht 'ne Ansage oder man hält die Klappe! Aber 'ne Ansage zu machen und sich dann sofort vorsorglich davon zu distanzieren, BÄH! (...) Ich hätte grosse Lust, den Leuten volle Kanne gegen das Schienbein zu treten und danach zu sagen: 'Ich distanziere mich hiermit von dem Tritt gegen das Schienbein!'. (...)".

In Post #5 berichtete ich: Meinen Beobachtungen zufolge werden persönliche Meinungen recht oft sprachlich nicht als solche gekennzeichnet; immer seltener sagen die Leute "ich finde", "meiner Meinung nach" etc. Ich hatte mich damals nach dem Grund dafür gefragt und war zum Schluss gekommen, dass es sich in erster Linie um Bequemlichkeit handeln dürfte. Und was musste ich feststellen? Das ist in vielen Fällen leider nicht zutreffend. Oh nein, das war eine realitätsferne Bilderbuchdarstellung. Die Leute halten ihre Ansichten anscheinend oft tatsächlich für die objektive Wahrheit. Sie sehen zum Beispiel, wie sich jemand bei etwas erfolglos abmüht, und kommentieren: "Ach komm, das ist jetzt wirklich nicht schwer!". Das mag für dich gelten, aber nicht für jeden. Immer wieder erlebe ich etwas vom Sinnlosesten, was man mit Sprache überhaupt anfangen kann: Geschmacksdiskussionen. "Ich mag keine Orangen." "Doch, iss. Orangen schmecken gut." "Nein, die sind voll eklig." Viel Erfolg beim Versuch, herauszufinden, ob Orangen aus objektivem Blickwinkel lecker sind oder nicht. Meine Güte, diese Verallgemeinerungen eigener Ansichten. So ein zeitverschwendender Disput kann ganz einfach durch etwas mehr sprachlichen Aufwand in Form von "ich finde" o.ä. beigelegt werden. Merken Sie sich das!

Und wie uns die Passage aus der Känguru-Offenbarung demonstriert, geht die Sache mittlerweile noch weiter: Die Leute machen grosse Ansagen, und wenn man genauer nachfragt, findet man heraus, dass sie gar nicht wörtlich dahinter stehen. Sie wollten nur ein wenig Drama machen, ein bisschen cool wirken oder im besten Fall eine Diskussion anheizen. Alle drei Arten solcher Falschaussagen gehen mir auf die Nerven. Die einzige, die ich teilweise OK finde, ist die mit romantischen Absichten: "Du bist die schönste und tollste Person auf der ganzen Welt und ich kann nicht ohne dich leben!". Die Wahrheit ist, dass niemand 100%ig hinter dieser süssen Aussage stehen kann. Aber solang der Partner genug für einen ist, wäre es einfach nur doof und unsensibel, ganz differenziert die Fakten auf den Tisch zu legen.

Nein, was mich stört, das sind Falschaussagen, die mit Politik, sozialen Problemen etc. zu tun haben. Auf Facebook boomt das. Immer öfter findet man Bilder und Statusmeldungen mit undifferenzierter, reisserischer Aussage. "Den Frauen allein gehört die Zukunft!" "Das Problem sind die Linken!" "Fuck Israel!". Es ist eben prägnanter, schlagkräftiger, cooler, wenn man so einen kurzen, plakativen Ausruf tätigt. Darunter hitzige Diskussionen in den Kommentaren. Schlecht informierte Hobbyextremisten klicken mit diabolischem Grinsen "Gefällt mir". Und dann erscheint plötzlich ein Kommentar der postenden Person: "Heeyy Leude beruhigt euch mal ich hab das nich so wörtlich gemeeeint LOL".

Meine Frage ist ganz einfach: Warum postest du das dann in deinem Namen?! Warum positionierst du dich in einer Debatte öffentlich mit einem Statement, hinter dem du gar nicht stehst?! Stellen Sie sich vor, jemand geht mit einem T-Shirt in eine Pizzeria, auf dem steht: "I LOVE HAM" und kommt zur Theke. Der Pizzaiolo lächelt und fragt: "Guten Tag, was darf's denn sein? Nein, lassen Sie mich raten: Eine Pizza Prosciutto?". "Oh, tut mir leid, ich steh' nicht so auf Prosciutto!". "Warum tragen Sie dann dieses T-Shirt?!". "Ach soo! Na ja, weil es cool ist :D Der wörtliche Inhalt ist ja nicht so wichtig". Ganz ehrlich: Finden Sie das nicht auch bescheuert? Sich in aller Öffentlichkeit in einer Frage zu positionieren, weil das cool ist, und nicht etwa, weil man tatsächlich dieser Meinung ist? Und dann noch überrascht zu sein, wenn einen die Leute beim Wort nehmen? Ich für meinen Teil zitiere noch einmal das Känguru: "Entweder man macht 'ne Ansage oder man hält die Klappe!". Denn wenn der Graben zwischen Sagen und Meinen aus diesem Trend heraus weiter wächst, dann wird Kommunikation in Zukunft immer anspruchsvoller werden. Sagen Sie doch einfach, was Sie meinen. Einverstanden?

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 29. September 2014

27: Mein linguistisches Ferienalbum 2014, Teil 2

Schönen Tag und willkommen!
Jauchzet und frohlocket, denn die Runde 2 der sprachlichen Souvenirs ist heute zu euch gekommen.

Einer Leserin ist diesen Sommer ein Schild bei einer Ampel aufgefallen. Achten Sie auch auf den Himmel, der unser diesjähriges Schweizer Sommerwetter so wunderbar zusammenfasst. Und dann ist die Ampel auch noch orange - I mean, what are the odds?


Sie schreibt dazu: "Diese Schilder sieht man ja überall. Ich denke immer, ich müsse einen Fussgänger umarmen :-)". Und das ist durchaus legitim; diese Aufschrift verlässt sich wie viele andere darauf, dass die Leute genau wissen, wen oder was man da drücken soll (hm... warum dann das Schild..?), und schert sich nicht um Eineindeutigkeit. Aber da sich heutzutage viele Leute einsam fühlen, finde ich die alternativ mögliche Interpretation eigentlich sehr schön. Hug a pedestrian today! :D

Auch mir sind missverständliche Texte begegnet. Ja genau, solche Schilder, bei denen mir meine Freunde immer sagen: "Das muss man jetzt wirklich nicht falsch verstehen" und ich erwidere "Aber man KANN!". Wie etwa im Zoo Basel:


Nun sagen Sie mir mal, wie Sie die Beschreibung im roten Rechteck verstanden haben. Verteidigt der Tukan bilderbuchmässig die Bäume und den Partner oder verteidigt er lustigerweise seinen Baum gegen andere Fruchtfresser und sogar gegen seinen eigenen Partner? "Sorry baby, du weisst, ich teile alles mit dir, aber bei meinem Baum ist Schluss". Diese beiden Akkusativobjekte am Ende sind ein Wagnis sondergleichen. Dann noch Folgendes bei McDonald's:


Soll ich da mal anrufen und versuchen, denen eine Kasse anzudrehen? Denn rein grammatisch hat hier die Kasse nichts, aber auch gar nichts mit dem Mitarbeiter zu tun, obwohl das wahrscheinlich der Sinn der Sache gewesen wäre. Sehen Sie? Erneut hat die moderne Getrenntschreibung potentielle Missverständnisse in die Wege geleitet. In diesem Fall wirkt es, als würde man einfach einzelne Worte in den Raum werfen und hoffen, dass die Leute assoziativ richtig denken. Ich stelle mir einen Politiker im Abstimmungskampf vor. Er tritt ans Rednerpult, räuspert sich und spricht mit lauter Stimme: "KRANK KASSE GUT EINE! WETTBEWERB SITUATION NICHT FUNKTIONIEREN! Danke." Hmmm... Ah ja, alles klar... aber grammatisch&rhetorisch hat das noch Luft nach oben.

Zum Abschluss eine wortspielerische Headline, deren Wahrnehmung ich beinahe unter Tränen mit einer standing ovation quittiert hätte. Besonders schön dabei: Sie stammt aus einer Sommerausgabe der BaZ, an deren Missstände ich in Post #12 herumgenörgelt hatte.






















Und schon ist das Sommeralbum zu Ende. Schade eigentlich. Aber es ist halt anscheinend wirklich so, dass die pedantische Form der linguistic awareness, die bei mir vorherrscht, bei vielen Leuten in meiner Umgebung nicht vorhanden ist. Trotzdem werde ich nächsten Sommer wieder zum grossen Sammeln aufrufen. Es ist ja nicht so, als wäre nichts rein gekommen. Und die Hoffnung pflegt bekanntlich zuletzt zu sterben. Danke an alle, die was geschickt haben oder die zumindest die Augen offen hielten! Bis in 2 Wochen, wenn auch die Gedanken des Sprachbeschreibers wieder vollends aus den Ferien zurück sein werden.

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 15. September 2014

26: Mein linguistisches Ferienalbum 2014, Teil 1

So liebe Leute, da simma wieder! Ich präsentiere Ihnen zum Wiedereinstieg einen Bericht über die sprachlichen Kuriositäten, die sich bei mir und meinen LeserInnen während der Ferienzeit angesammelt haben. Nein, das war für mich keine mühsame, mit Ferien nicht vereinbare Arbeit. Ich kann's nun mal einfach grundsätzlich zu so gut wie keinem Zeitpunkt lassen, Sprache unter die Lupe zu nehmen - dies verstehe, wer will. Ich denke auch nicht, dass Sie sich als LeserIn meines Blogs von diesem Umstand gestört fühlen. Freuen wir uns daran, dass diese Charakterausprägung meinerseits dank dieses Blogs als "mutually beneficial" gelten darf. Und nun geht's los mit dem ersten Teil der Ferienentdeckungen.

Zunächst ein Ferienklassiker: Die mässig übersetzte Speisekarte. Die folgenden Beispiele hat ein befreundetes Paar in Italien vorgefunden:


Links oben: Der durch die Übersetzung entstandene Satz ist eine Definition, der es meines Wissens an Korrektheit mangelt. Die Übersetzung ist allerdings treu erfolgt; sie entspricht inhaltlich dem italienischen Ausgangs"text", in dem ein Fehler enthalten ist: "è" bedeutet tatsächlich "ist". Die richtige Schreibweise wäre ein "e" ohne Akzent.
Rechts oben: Wie es zu diesem Fehler kommen konnte, ist mir mehr als schleierhaft. Kein italienisches Wort, das meinen Recherchen zufolge mit "Verhältnisse" äquivalent sein kann, weist auch nur im entferntesten Verwechslungspotential mit "Linguine" auf. Wenn jemand eine Idee hat, der oder die sich im Italienischen besser auskennt, so melde er/sie sich bei mir.
Unten: Nun, hier kann ich eigentlich nicht böse sein... Es ist mehr als klar, was Sache ist, nicht wahr? Ein wenig Bemühung um Eineindeutigkeit ist in Massen nicht zu verachten.

Solche Redundanz ist auch mir selbst begegnet. Ich bin oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, und das war auch in diesen Ferien immer wieder der Fall. Einmal fiel mir auf, dass die Schweizer Bundesbahnen (Plural! Also, liebe Frau Zug-Ansagerin: Korrekterweise müssten Sie sagen: "Die SBB begrüssEN Sie im Intercity... blablabla") einen linguistisch interessanten Hinweis in ihren Familienwägen angebracht haben:


Die Familie mit Kindern ist also genau so selten wie der runde Kreis, der weisse Schimmel und die tote Leiche. Im Idealfall verwenden die SBB hier bewusst einen Pleonasmus als rhetorisches Mittel, um unmissverständlich klar zu machen, für wen diese Abteile gedacht sind. Das geht eigentlich in Ordnung. 

Auch sonst hatte der ÖV diesen Sommer immer wieder mal sprachliche Glanzleistungen vorzuweisen, zum Beispiel, wenn's ums Englische ging:


Links: Ich habe lange überlegt, bin aber nicht darauf gekommen, was inlingua dazu bewegen konnte, kleinen Gruppen Kurse im schnellen Vorspulen anzubieten.
Rechts: IWB Basel Marathon - Immer auf der Flucht! Dieser coole Spruch punches me so right out of the socks.

Zum Abschluss des ersten Teils möchte ich noch eins dieser ach so tollen Komplimentplakate auseinander nehmen, mit denen der Schweizer Sommer eingeläutet worden war:


Also *räusper*. Liebe Maike: Zunächst einmal, finden Sie es nicht etwas absonderlich, jemandem für seine Schönheit zu danken? Was kann denn der angebliche Adonis mit Namen Paul für sein angeborenes Aussehen bzw. seine anturnende Art, von der Sie anscheinend aussergewöhnlich ausschweifendes Angetansein anzeigen? Da könnte man meiner Meinung nach geradesogut konsequenterweise zu einer unansehnlichen Person gehen und sagen: "Was fällt Ihnen eigentlich ein, so hässlich durch die Welt zu laufen?".

Dann das Wie-Wörtchen "grenzenlos", das die Schönheit modifiziert. Ja, man versteht, was Sie meinen. Aber ich kann mir "grenzenlose" Schönheit beim besten Willen nicht vorstellen. Wie könnte das aussehen... Ist das Schönheit, die niemals aufhört? Warten Sie noch ein paar Jahre.

Die letzte Frage, die mich quälte: Seit wann ist es ein Kompliment, jemanden als "Leben" zu bezeichnen? Oder Moment mal... Habe ich da nicht letztens nicht beim Passieren einer Jungsclique ein Mitglied "Alte, du bisch eifach s geilschte Läbe wo s git!" sagen hören..? Hmmm... Nein. Nein, habe ich nicht. Tut mir leid.

Aber machen Sie sich nichts draus, liebe Maike. Ich mache hier nur meinen Job als Sprachbeschreiber. Sie sind in Ihrer ungeschickten Art beim Produzieren von bildhafter Sprache bei Weitem nicht allein in der Gesellschaft. Und diese Art stört mich eigentlich auch nicht besonders - ich finde es nur faszinierend, den linguistischen Dynamiken auf den Grund zu gehen. Logisch betrachtet mag das zwar ein ziemlicher Stuss sein, den sie da raus gelassen haben. Aber darob geht die gute Absicht nicht verloren - ich bin sicher, der gute Paul wird sich gefreut haben. Und was will man noch mehr? So, der Sprachperfektionist hat gesprochen.

Das muss dann auch für dieses Mal reichen. In zwei Wochen werde ich einen weiteren Teil zusammengebastelt haben. See you then.

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 30. Juni 2014

25: Ein paar Worte zur Höflichkeit

IMPORTENT ÄNNAUNZMENT
Der Sprachbeschreiber nimmt sich die Freiheit, nach dem heutigen 25sten Post in eine Sommerpause zu gehen. Ich schaue dann spontan, wann's wieder losgeht... Frühestens im August, spätestens Mitte September. Jetzt wissen Sie Bescheid und dürfen sich daher nun den vorerst letzten Post zu Gemüte führen.


Gestatten?
Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich heute gerne über Höflichkeit schreiben.

Auf sprachlicher Ebene ist Höflichkeit nämlich ein grosses, anspruchsvolles Thema. Wenn sich zwei wohlerzogene Menschen treffen, die sich noch nicht kennen, die den anderen auf den ersten Blick als respektabel erachten und die dann auch noch etwas voneinander erfragen wollen, dann regnet es Höflichkeit. Man will einander keinesfalls auf die Füsse treten. Meist fängt das mit einem Befehl an: "Entschuldigen Sie...". Oh ehrenhafter Fremder, verzeihen Sie mir, dass ich Sie anspreche! Welch eine Sünde, Gott sei meiner armen Seele gnädig! Schon krass, dass man so etwas Verschrobenes sagt. Aber wir sind es uns gewohnt, schonend an Fremde heranzugehen, und das macht man bei uns nun mal so. Was nützt's, das zu kritisieren - es fühlt sich ja doch keiner angegriffen, wenn er so zum Entschuldigen aufgefordert wird. Aber sich das mal vor Augen zu führen, ist vielleicht interessant - siehe Post 5.

Im Hauptteil gilt dann: Seien sie diskret, nicht direkt. Formulieren Sie "weich", nicht hart. Darüber macht man sich ja auch mal gern lustig:


Das führt dann auch zu Aussagen, die im wörtlichen Sinn ihren Zweck nicht erfüllen. "Würden Sie / Könnten Sie vielleicht...". Die Antwort würde "Ja/Nein" lauten. Man will einfach nicht direkt sein: "Wir würden uns freuen, wenn Sie die Rechnung in nächster Zeit bezahlen könnten..." / "Wären Sie bitte so freundlich, ihre Musikanlage ein klein wenig leiser zu machen..." / "Das ist meiner Meinung nach vielleicht nicht die allerbeste Idee...". Wenn man zu viel "softening" betreibt, wie das etwa den Kanadiern und Briten nachgesagt wird, dann muss man viel Interpretationsarbeit betreiben, um dem auf den Grund zu kommen, was einem der andere tatsächlich sagen will. Ich war schon zwei Mal auf der Insel und kann die Verlässlichkeit der folgenden Angaben bestätigen:


Überlegen Sie mal: Meist gilt, dass "besser" erzogene Menschen umso höflicher sind und sich eher durch Direktheit brüskiert fühlen. Die Affinität zur Höflichkeit ist also angelernt. Ist das eine gute Sache? Wozu brauchen wir überhaupt eine Höflichkeitsform und so viel indirektes Drumherum-Gerede? Klar, es ist ganz nett, wenn man merkt, dass jemand vor einem Respekt hat. Aber wenn aus dem Siezen und der umständlichen Diskretion ein Zwang wird, dann ist unnötige, trennende Distanz die Folge. Ich sieze zum Beispiel mein Publikum, weil ich das "Du" hier irgendwie unpassend fände, es würde zu informell wirken und am (zumindest teilweise) wissenschaftlich-professionellen Flair des Blogs kratzen. Aber ich finde ich das "Du" doch vor allem darum "irgendwie unpassend", weil mir das so beigebracht wurde. Wie Sie in Post 20 lesen konnten, ist Schweden dabei, sich von der Höflichkeitsform zu verabschieden. Studenten duzen dort ihre Dozenten. Wäre so etwas in unseren Breitengraden möglich? Ich sage nicht, dass wir die Höflichkeit abschaffen sollten - ich sage nur: Schauen Sie mal, was wir da eigentlich genau tun. Die Routine lässt uns solche Dinge kaum mehr bewusst beachten, die Wissenschaft bringt sie wieder ans Licht.

Sie sehen - wir sprechen hier wieder von Sprachtraditionen, die in unserer Sprache und Kultur verwurzelt sind, und über die sich bei näherer Betrachtung diskutieren lässt. Tun Sie das. Ihre lingustic awareness wird es Ihnen danken.

-Der Sprachbeschreiber

P.S. Ja, ich weiss, der Sprachbeschreiber beteiligt sich nicht an saisonalen Hypes, blablabla. Und der Post heute hatte ja auch gar nix mit der WM zu tun. Aber dieses wunderbare Video da unten schon. Es werden mit grossem Aufwand Elemente der bildhaften Sprache wörtlich genommen oder einfach auf naheliegende Weise anders interpretiert, und das Ergebnis finde ich herrlich. Ich hoffe, Sie auch. Einen schönen Sommer noch. Ich wünsche Ihnen coole Erlebnisse und Einfälle mit Ihrer linguistic awareness.

Montag, 16. Juni 2014

24: Vamos a la playa (Ein wenig Spanisch)

Diese Woche werde ich meinem Bloggernamen wörtlich extrem gerecht: Ich werde eine Sprache beschreiben. Ich hatte sie als Schwerpunktfach im Gymnasium und studiere sie jetzt als zweite Fremdsprache im Studiengang Übersetzen. Da ich Deutsch und Englisch schon genug um mich herum sehe und höre, habe ich alle meine elektronischen Systeme auf sie eingestellt, von facebook bis zum iPod. Sprechen Sie Spanisch? ¿Habla español?

Das wäre doch auch in anderen Sprachen einführungswürdig, dieses Fragezeichen am Anfang einer Frage, ¿nicht wahr? Und das ist erst der Anfang, wenn's um Dinge geht, die an der nach Englisch zweitwichtigsten Kommunikationssprache und nach Mandarin und Englisch drittmeistgesprochenen Sprache der Welt cool sind. Das spanische Spanisch nennt man auch "castellano", da es sich damals in Altkastilien, einer Region auf der iberischen Halbinsel, aus dem Lateinischen heraus entwickelte.

Zuerst die wichtigsten Regeln, damit sie spanische Wörter künftig richtig aussprechen können.
-Das "ñ" klingt wie "ni", das wissen Sie ja.
-Wörter, die mit einem Vokal, einem "n" oder einem "s" enden, betont man auf der zweitletzten Silbe, wie etwa "tormenta" (Sturm) oder "escaleras" (Treppen).
-Wörter, die mit anderen Konsonanten enden, werden auf der letzten Silbe betont, wie etwa arroz (Reis) oder Gibraltar.
-Ausnahmen von den eben genannten Regeln werden mit Akzenten angezeigt, wie bei otorrinolaringólogo (Halsnasenohrenarzt) oder ácaro (Milbe).
-Ein j spricht man wie ein "ch" hinten im Hals aus (z.B. rojo [rot]), genauso wie das "g" - falls dieses von einem "e" oder "i" gefolgt wird (z.B. girar [wenden]).
-Ein "ll" klingt wie ein deutsches "j". Da drängt sich das Beispiel auf: Mallorca = MaJorka (Schreibt's euch endlich hinter die Ohren! Auch wenn mir nicht klar ist, wie sich diese Redewendung in diesem Sinn durchsetzen konnte. Das Geschriebene sieht man ja dann nur noch äusserst selten...).
-Das "z" klingt wie ein "s" - in Spanien gelispelt, in Südamerika nicht. Auch das "c" wird so behandelt - wenn es von einem "e" oder "i" gefolgt wird.
-Zwischen der Aussprache eines "b" und eines "v" gibt es praktisch keinen Unterschied - versuchen Sie mal, zwischen den beiden Lauten zu balancieren. Das hat dazu geführt, dass die Hauptstadt Kubas auf Spanisch "La Habana" und auf Deutsch "Havanna" heisst.

Tolle Wörter gibt's auf Spanisch dank exotischen Einflüssen zuhauf. Pfirsich heisst "melocotón". "Guagua" heisst in Spanien "Säugling", in Südamerika "Bus". "Canguro" heisst nicht nur "Känguruh", sondern auch "Babysitter". Weitere tolle Wörter hat das Spanische vom Arabischen mitbekommen. Zum Beispiel natürlich den Artikel "el" (früher sagte man ja "Alchemie" statt "Chemie", da war noch der arabische Artikel dran). Das spanische Wort für Kopfkissen ist eins meiner Lieblinge: "almohada" (eine wörtliche Übersetzung für "Kissenschlacht" wäre dann folglich die über-episch klingende Bezeichnung "batalla de almohadas"). "Ojalá" bedeutet "hoffentlich". Eine Hostess ist eine "azafata" und eine Karotte eine "zanahoria". Auch die Bezeichnung "guitarra" ist arabischen Ursprungs, und Sirup heisst in Spanien dank dieser Einflüsse "jarabe".

Oft klingen schöne Ortsnamen nicht mehr so spektakulär, wenn man ihre Bedeutung kennen lernt. Ecuador ist ein südamerikanischer Staat, der herausfand, dass der Äquator durch ihn verläuft, und sich flugs danach benannte. Oder die Sierra Nevada? Das heisst "verschneites Gebirge". "España" kommt vom lateinischen "Hispania", dieses wiederum vom phönizischen "Ishapan", was soviel bedeutet wie "Land der Klippschliefer". Die Phönizier legten an und hielten die Kaninchen, die ihnen begegneten, für Klippschliefer. Seufz. Ach ja, und: Los Ángeles = Die Engel. Asunción = Auffahrt. Buenos Aires = Gute Lüfte. Das Portugiesische, dass sich aus einem spanischen Dialekt herausbildete, ist da übrigens nicht viel besser: "Rio de Janeiro" bedeutet "Januarfluss".

Para que pueda leer un poquito de español al fin de esta entrada y practicar su pronunciación, les dejo con algunas palabras en una de las lenguas más bellas del mundo. Espero que les haya podido mostrar un poco de qué interesante y bonita es. ¡Nos veremos!

Übersetzung: Damit Sie am Ende dieses Eintrags noch ein wenig Spanisch lesen und Ihre Aussprache trainieren können, gebe ich Ihnen noch ein paar Worte in einer der schönsten Sprache der Welt mit. Ich hoffe, dass ich Ihnen ein wenig zeigen konnte, wie interessant und schön sie ist. Man sieht sich!

-El descriptor de lengua

P.S.: "Vamos" heisst nicht "Gehen wir!", sondern nur "Wir gehen". Für die Befehlsform sagen Sie je nach Kotext "Vámonos" oder "Vayamos". "Vamos a la playa" ist keine Aufforderung, sondern eher eine Feststellung.

Montag, 2. Juni 2014

23: Street Art-Interpretationsspielerei

Der Linguistik wird ja des öfteren vorgeworfen, dass sie das Gegenteil einer exakten Wissenschaft sei. Das stimmt weitgehend. Sprache lebt nun mal, und manchmal ist der Interpretationsspielraum bei der Analyse von Sprechakten sehr, sehr gross. Und das werden Sie jetzt gleich mal vorgeführt bekommen. Ich habe nämlich ein echt spannendes Graffito gefunden (Ja genau: "Graffiti" ist wie "Paparazzi" ein italienischer Plural, folglich gibt es strenggenommen einen Singular, der auf "o" endet)! Und zwar unter einer Brücke quasi direkt vor meiner Haustür. Da ich hier mit "Ich" den Sprachbeschreiber meine, ist es natürlich ein linguistisch interessantes Graffito, das fast schon nach einer semantischen (Bedeutungs-) Analyse schreit:



Das ist fast schon sowas wie die Schmiererei der unbegrenzten Möglichkeiten. Da kann sich der Hobbylinguist austoben. Ich habe hier ein paar Möglichkeiten der Deutung ausgearbeitet.

MÖGLICHKEIT 1: Benennungskritik
Ein Problem terminologischer Art: Das Fahrrad wird in der Schweiz "Velo" genannt. Das ist eine Abkürzung für den veralteten Begriff "Veloziped". Das kommt vom französischen "vélocipède" und das wiederum entstammt einer Kombination der lateinischen Wörter "velox" (schnell) und "pes" (Fuss). Und vielleicht wollte der Street Artist hier diese Bezeichnung kritisieren. Velos..? Na ja. Ist ein Fahrrad denn tatsächlich schnell? Ist es in Zeiten von Auto, Zug und Flugzeug1 nicht übertrieben, den Drahtesel als Fortbewegungsmittel mit hohem Tempo zu bezeichnen? Dürfen wir dem Gerät noch "Velo" sagen? Sollten wir nicht das wertneutrale "Fahrrad" übernehmen oder ein neues Wort entwickeln? Wake up, Switzerland!
1= Übrigens: Heutzutage dürfte man eigentlich nicht mehr von "modern" sprechen, da die Moderne eine abgegrenzte historische Periode war. Wir sind bereits in der Postmoderne, also wäre etwas zeitgenössisch-fortschrittliches rein theoretisch als "postmodern" zu bezeichnen. Ich spiele mit dem Gedanken, meinen Sprachgebrauch diesbezüglich anzupassen... 

MÖGLICHKEIT 2: Hallooo, wo seid ihr?
Tiefste Nacht. Der kalte Wind lässt die Blätter rascheln, und graue Wolken ziehen am dunkelblauen Himmel dahin. Einsam stapft unser Street Artist durch die leeren Quartierstrassen. Irgendwann erreicht er eine Hauptstrasse. Brumm. Ein Auto. Brumm. Noch ein Auto. Brumm, brumm, brumm. Kein Klingeling. Nicht ein einziges Mal. Aufgewühlt zieht der kritische Künstler seine Spraydose hervor und schreibt seinen Weckruf an der Wand nieder: VELOS..? Gibt's die noch? Wo seid ihr hin, Fahrräder? Fährt denn hier jeder nur noch Auto? Ist das gut für unsere Gesellschaft?

MÖGLICHKEIT 3: Das geheime Akronym
Das Wort ist in Grossbuchstaben niedergeschrieben worden. Das lässt den Schluss zu, dass es sich um ein Akronym wie UBS oder NASA handelt. Was könnte gemeint sein?
Verein Echt Lustiger Ostschweizer Saunabesucher?
Voluminöser EidechsenLift Ohne Sicherungen?
Verteidigung Einzigartiger Lampenschirme Oft Sinnlos?
Vielseitige Elefanten Lassen Opa Sterben?

Bevor ich es wieder einmal zu weit treibe mit dem Interpretieren: Vielleicht hatte der Autor auch einfach nur bewusstseinserweiternde Substanzen intus. Oder war Anhänger der Kunstrichtung des Dadaismus. Oder beides. Falls er das hier liest, soll er sich doch bei mir melden, ich platze fast vor Spannung. Und Sie, liebe(r) Leser(in), sind natürlich auch dazu eingeladen, in den Kommentaren Ihre Interpretation darzulegen. Wir müssen diesem Problem auf den Grund gehen. Wir MÜSSEN, verstehen Sie? Wer weiss, was auf dem Spiel steht?!

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 19. Mai 2014

22: Heitere Sprachspiele #4

Hier kommt Nummer 4 der Sprachspielreihe! Unfassbar, dass mir immer noch Ideen hierfür in den Sinn kommen.

Plural-Endungen finde ich faszinierend. Es gibt reichlich davon: "a", "i", "en", "ata", "een", "usse", "s". Damit spielt man ja gern auch mal unfreiwillig, wenn man den korrekten Plural gerade nicht weiss. Ein Paradebeispiel - meiner Erfahrung nach - ist das Wort "Krokus". Da rätseln die Leute: Sagt man "Kroken", so wie man "Das Virus - Die Viren" sagt? Sagt man "Krokeen", so wie man "Der Kaktus - Die Kakteen" sagt? Nein, man sagt's wie bei "Der Bus - die Busse" - "Der Krokus - die Krokusse". Diesen Plural legt zumindest der Duden fest. Aber diese ganzen Unregelmässigkeiten regen einfach zum Spielen an. Das Wort "Duden" könnte doch auch die Pluralform von "Dudus" sein. Von "Schema - Schemata" könnte man auf "Lama - Lamata" schliessen (funktioniert also auch mit allen Namen [bzw. mit jedem Namus], die auf "a" enden). Und vielleicht sollte man an der Bar "zwei Martini" und "einen Martinus" bestellen. Der Plural von "Status" ist übrigens das selbe Wort mit übertrieben betontem "u". Und ein Wort, das nur im Singular existiert, nennt man "Singularetantum". Natürlich gibt es als Gegensatz auch das "Pluraletantum".

Wenn man im Verlauf eines Textes einen Begriff durch einen anderen ersetzt, der für das selbe steht, so spricht man von "Substitution". Man kann etwa konventionell gestützte Synonyme, Hyperonyme oder Hyponyme (Über- oder Unterbegriffe) benutzen oder etwas zusammenbasteln, das im jeweiligen Ko(n)text gleichbedeutend ist. Letzteres nennt man "Ad-hoc-Substitution". Damit kann man quasi eigene Synonyme erfinden. Das ist hohe Kunst und bietet viel Raum für Humor:



Folgende Bilder sind mir im Internet begegnet. Können Sie das hier entschlüsseln? Hier wollte wohl jemand das Wort "Aquarium" kunstvoll substitutieren.





Sehr schön auch die Umschreibung eines Karussells hier. Wer eine Bezeichnung noch nicht kennt, muss zwangsweise kreativ werden, wenn er/sie auf etwas Bezug nehmen möchte.



Und die Paraphrase hier ist einfach nur Coolness pur. Klingt irgendwie nach einer Science-Fiction-Definition.






Und nun ein komplexes Fantasiekonstrukt von mir und einem guten Freund: Sie dürften in etwa wissen, worum es sich bei einer rhetorischen Frage handelt: "Die rhetorische Frage ist eine Frageform, die keine Antwort erwartet. Sie dient lediglich dazu, eine Aussage stärker zu betonen oder eine implizite, unausgesprochene Verneinung zu erzeugen. 'Wie lange noch, Catilina, willst du unsere Geduld mißbrauchen?', Cicero ('Gebrauche unsere Geduld nicht länger, Catilina') – 'Bin ich etwa deine Putzfrau?' ('Ich bin doch nicht deine Putzfrau!')" (https://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/poetik/rhetorifra.htm). Was, wenn man nun den Spiess umdreht und die rhetorische Antwort erfindet? Es müsste sich entsprechend um eine Antwortform handeln, die keine Frage voraussetzt. Die Frage müsste gewissermassen durch die Antwort suggeriert werden. Wir stellen uns das so vor, dass man ein Gespräch quasi fragenfrei durchführen könnte, indem man alle Fragen im Voraus errät und beantwortet. Das würde dann so klingen wie jemand, der gerade am Telefon ist: "Hallo! Gut, und dir? Aha, ja, nein, das wäre in Ordnung, ja du auch, tschüss!". Das Konzept krankt wohl vor allem daran, dass die Frage, die von der Antwort suggeriert werden soll, kaum je so eindeutig bestimmbar sein dürfte wie die Antwort auf eine rhetorische Frage. Aber wer schlägt sich bei solchen Posts schon mit Nutzen und Anwendbarkeit herum?

Ein nettes Sprachspiel hat auch die Satire- und Nonsenszeitung "Der Postillon" in petto, und zwar hier. Das Blatt möchte ich Ihnen empfohlen haben - Kalauer-Fans sollten unbedingt die Newsticker-Einträge begutachten.

Zum Abschluss sei noch auf den Sprichwortrekombinator verwiesen. Gute Sache.

Und jetzt ist's aus mit diesem Post. Gehabt euch wohl.

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 5. Mai 2014

21: Der Sinn des Sprechens

IMPORTENT ÄNNAUNZMENT
Geschätzte LeserInnen
Aus verschiedenen Gründen habe ich mich dazu entschieden, ab jetzt nur noch alle zwei Wochen einen Blogeintrag zu verfassen. Beim derzeitigen Rhythmus fällt es mir zunehmend schwer, die Qualität hoch zu halten, und die will ich keinesfalls aufs Spiel setzen. Ich danke für allfälliges Verständnis. Nun ohne weitere Umschweife zum Eintrag dieser Woche, oder eben ab jetzt dieser zwei Wochen (die Briten haben sogar ein Wort dafür: Eine Periode von 14 Tagen wird als "fortnight" bezeichnet).

"Eins von den Dingen, die Ford Prefect an den Menschen immer sehr schwer begreiflich fand, war ihre Angewohnheit, sich das Allerselbstverständlichste ständig zu bestätigen und zu wiederholen. Zum Beispiel: 'Schöner Tag heute' oder 'Sie sind sehr groß' oder 'Du meine Güte, Sie sehen aus, als wären Sie in einen zehn Meter tiefen Brunnen gefallen, geht's Ihnen gut?'. Ford hatte sich eine Theorie zurechtgelegt, um für dieses merkwürdige Verhalten eine Erklärung zu finden. Wenn die Menschen ihre Lippen nicht ständig in Bewegung halten, dachte er, rosten sie wahrscheinlich ein. Nach ein paar Monaten Nachdenken und Beobachten gab er diese Theorie zugunsten einer neuen auf. Wenn sie ihre Lippen nicht ständig in Bewegung halten, dachte er, fangen ihre Gehirne an zu arbeiten. Nach einer Weile verwarf er auch diese Theorie, weil sie ihm allzu zynisch vorkam, und er gelangte zu dem Schluß, daß er die Menschen eigentlich ganz gern habe. Trotzdem trieb es ihn manchmal zur Verzweiflung, über wie wahnsinnig viele Dinge die Menschen überhaupt nichts wußten." (Aus: Adams, Douglas: Per Anhalter durch die Galaxis)

Das da oben war die Inspiration, hier folgt das Produkt: Herzlich willkommen zu einer kleinen Abhandlung zum Thema "kommunikative Funktion - Warum sagen wir, was wir sagen?". Fangen wir den Post dieser Woche an, indem wir den Begriff der kommunikativen Funktion ausreichend klären. Man kann es eigentlich recht simpel zusammenfassen: Die kommunikative Funktion bezeichnet das Ziel, die Absicht, die wir mit unseren sprachlichen Äusserungen verfolgen, auch "Illokution" genannt. Ein Modell dazu finden wir in den Textfunktionen. Es gibt vier Haupt-Textfunktionen und ein paar seltenere Unterfunktionen. Bei den meisten Texten kann man eine einzelne zentrale Funktion bestimmen, aber oft finden sich mehrere verschiedene Funktionen in Texten. Folgende Hauptfunktionen gibt es:

Die informative/referentielle Textfunktion
Äusserungen mit dieser Funktion wollen einfach nur Information vermitteln. Sie tun dies in der Regel auf eine nüchterne, objektive Art. Typische Beispiele sind Nachrichtentexte oder die Wettervorhersage.

Die expressive Textfunktion
Äusserungen dieser Art sind klassischerweise subjektiv. Es geht vor allem um Emotionen, die auf eine Art übermittelt werden, die standardmässig selbstdarstellend und "auffällig" ist. Beispiele sind etwa Erlebnisschilderungen und Tagebucheinträge.

Die appellative Textfunktion
Diese Äusserungen fordern den Empfänger zu etwas auf. Als Beispiele kann man etwa Werbeanzeigen oder Gesuche anführen.

Die phatische Textfunktion
Solche Äusserungen dienen lediglich der Beziehungspflege. Sender und Empfänger sind sich praktisch gleichwertig gegenübergestellt. Typische Beispiele wären Glückwünsche, Postkarten oder Smalltalk.

Nun zum Diskussionsteil. Ich will im Stile eines armchair linguist (einer, der philosophiert statt empirisch untersucht) über das Thema "Sinn des Sprechens" schreiben. Wie verhält sich das mit den Funktionen beim mündlichen Sprachgebrauch? Schenken wir denen da Beachtung?

Da der mündliche Sprachgebrauch sehr spontan vonstatten geht, muss davon ausgegangen werden, dass sich die Leute kaum je bewusst Gedanken zur genauen Funktion ihrer Äusserungen machen. Nicht einmal ich als Hobbylinguist tue das beim Sprechen, sondern nur, wenn's ums Schriftliche geht. Sollten sich das ändern? Schwer zu sagen. Aber wissen Sie: Manchmal frage ich mich, ob die Textfunktion teilweise nicht doch berücksichtigt wird. Ob es nicht sein könnte, dass Menschen quasi darauf programmiert sind, anhand der Funktion ihrer Äusserungen beim Sprechen Selektion zu betreiben. Ich gehöre nämlich zu der Sorte von Menschen, die, mal euphemistisch (untertreibend) ausgedrückt, nicht gerade die grössten Quasselstrippen sind. Es scheint mir, als wäre unter eher schweigsamen Menschen eine spezielle Form der Sprachökonomie (möglichst wenig Aufwand, möglichst grosser Nutzen) verbreitet. Ich behaupte folgendes, gestützt auf meine Erfahrungen und Beobachtungen:

Die meisten introvertierten Menschen haben - teils bewusst, teils unbewusst - Mühe damit, Äusserungen zu machen und auf Äusserungen zu antworten, hinter denen sie keinen direkten, praktischen Sinn ausser dem "Kontakt haben" erkennen können; sie haben also in erster Linie Probleme mit phatischen Äusserungen. Diese sind "Äusserungen um ihrer selbst Willen" - wie zum Beispiel das spontane Äussern eines Gedankens oder das Erzählen irgend eines Erlebnisses. Es ist kein direkt erkennbarer Nutzen dahinter erkennbar, man sagt etwas nur oder hauptsächlich deshalb, weil man Kontakt haben will. Beim Smalltalk steht kein sachliches Informieren, kein Erklären und kein Überzeugen im Vordergrund. Wozu und wie soll man denn dann überhaupt etwas sagen? Und was soll man da bloss sagen, beim Sprechen um des Sprechens Willen, wenn man ein so schwammiges Ziel hat? Damit kämpfen meiner Meinung nach viele introvertierte Menschen - auf dem phatischen Gebiet fühlen sie sich unsicher und ratlos, und zwar vielleicht deswegen, weil sie kein konkretes, fassbares Ziel verfolgen können und sich aufgrund ihrer zurückhaltenden Natur das Sprechen ohne eine durch ein klares Ziel vorgegebene Struktur nicht so gewohnt sind. Sie laufen Gefahr, beim Sprechen zu viel nachzudenken, wodurch sie gefühlskalt, teilnahmslos, schüchtern und ungeschickt wirken können.

Die meisten extrovertierten Menschen kennen aus meiner Sicht kaum solche Barrieren. Sie sind es sich gewohnt, einfach um des Sprechens Willen mit jemandem zu reden, sprechen auch gern mal das Offensichtliche aus und erzählen liebend gern aus ihrem Leben. Sie haben wohl dank ihrer offenen Art einfach die nötige Erfahrung damit, "ziellose", beziehungspflegende Gespräche am Leben zu erhalten. Aber Achtung: Sie laufen Gefahr, beim Sprechen zu wenig nachzudenken, wodurch sie unsensibel, verwirrend, einfältig und nervig wirken können.

Die Moral von der Geschicht': Beim Schreiben ist es von Vorteil, sich eingehend zur Textfunktion Gedanken zu machen. Aber beim alltäglichen Sprechen braucht man den Funktionen meiner Ansicht nach wenig bis gar keine Beachtung zu schenken. Die alltägliche soziale Interaktion zwischen Menschen braucht nicht immer einen definierten Sinn mit unmittelbar erkennbaren Ergebnissen zu haben. Ist es nicht gerade die "Unnötigkeit", die die phatischen Gespräche so einzigartig und irgendwie menschlich macht? Vielleicht ist es gerade gut, zu wissen, dass der andere nur um des Kontakts Willen mit einem spricht..? Denken Sie drüber nach.

-Der Sprachbeschreiber

Montag, 28. April 2014

20: Fun facts

Geschätzte Adressatinnen und Adressaten
Ich habe zurzeit nicht gerade zu wenig zu tun. Das kann gegen Ende eines Semesters vorkommen. Deswegen speise ich Sie diese Woche mit ein wenig leichterer Kost ab, die mich weniger Originalität und Reflexion kostet als sonst. Ja, ich gebe das zu. Dennoch stehe ich zu diesem Post. Wissen Sie noch, Post #1? Da hab ich schon Sprachfacts präsentiert. Und es gibt ja reichlich davon. Also offeriere ich diese Woche, im zwanzigsten Post, noch 'ne Ladung davon.


-In Schweden ist die Höflichkeitsform wohl weltweit am krassesten auf dem Rückzug, während sie in Frankreich noch immer wahrscheinlich am festesten verankert ist. Laut einer Umfrage würden gerade mal rund 55,5 % der befragten Schweden einen älteren Fremden unter Verwendung der Höflichkeitsform nach dem Weg fragen. In Frankreich würden das 100% tun. Gleichaltrige oder jüngere Unbekannte würden nur noch unter 5% der Schweden mit der Höflichkeitsform ansprechen. Bei den Franzosen sind es fast 80%(!). Ein Post zum Thema Höflichkeit kommt bestimmt noch. Falls Sie nichts dagegen hätten...

-Es ist noch immer ein Mysterium, wie das menschliche Gehirn Sprache "herstellt". Besonders verdutzend ist etwa, dass Kinder schon im Mutterleib auf Sprache reagieren und beim frühen Sprechen Fehler machen, die ihnen niemand vorgesagt hat, was vermuten lässt, dass sich das Gehirn da verselbständigt. Man weiss übrigens auch noch nicht, wie das wirre Bild, das auf die Netzhaut im Auge fällt, im Gehirn zu einem kognitiv verarbeiteten Ganzen zusammengesetzt wird. Sie hätten gern einen Nobelpreis? Dann haben Sie da zwei Ansatzpunkte.

-In einer Vorlesung aufgeschnappt: Der aktive Wortschatz eines durchschnittlichen Erwachsenen, also das, was dieser verwendet, umfasst 6000 - 10‘000 Worte. Der passive Wortschatz, also das, was er versteht, beläuft sich auf 16‘000 - 100‘000 Worte. Der Fachwortschatz eines Fachgebiets wie der Chemie oder der Medizin enthält ca. 2‘000‘000 Worte. Und nein, das Leben von Experten, die Wissen vermitteln sollen bzw. müssen, wird dadurch nicht vereinfacht.

-Sprachkompetenz begünstigt uns auf verschiedenste Weise. Sie öffnet Türen und hilft, respektiert und ernst genommen zu werden. Und Matthias Ballod weiss aus der Forschung des Wissenserwerbs zu berichten:
"Warum ist das Sprachvermögen so entscheidend? Weil die individuelle Wissensbewältigung und das Erschliessen fachlicher und sachlicher Zusammenhänge fundierte Kenntnisse von Begriffen, Benennungen und sprachliche Strukturen [sic] sowie ihrer Anwendungen voraussetzt. Der Philosoph Peter Bieri bringt es in guter Tradition von Immanuel Kant, Wilhelm von Humboldt oder Karl Bühler auf den Punkt: Sprache ist das elementare und eigentliche Medium bei der Aufnahme, Verarbeitung und Bewertung von Wissen und zugleich der Generalschlüssel für unsere Umwelt, unser Denken und für den Austausch mit anderen Menschen." (Ballod 2009: S. 28)

-Entdecken Sie hier die Entstehungsgeschichten 25 englischer Redewendungen.

-Dann hier noch die Liste mit den deutschen Worten, die nach einer Recherche für den Duden Unnützes Sprachwissen mithilfe der Google-Suche am meisten falsch geschrieben werden. Vielleicht gibt's da ein paar Aha-Erlebnisse.


-Und ein letztes Faktum: Wortspiele erfreuen sich beim Werben in meiner Umgebung weiterhin grösster Beliebtheit und sind immer mehr Geschmackssache. Das beweist dieses Fundstück im Schaufenster eines Riehener Optikers.



So, ich hoffe, es hat Spass gemacht! Auf Wiederschaun.

-Der Sprachbeschreiber

Quellen:

Clyne, Michael, Norrby, Catrin, & Warren, Jane (2009). Language and Human Relations. Styles of Address in Contemporary Language. Cambridge: CUP.

Ballod, Matthias: Typen von Wissen. Begriffliche Unterscheidung und Ausprägungen in der Praxis des Wissenstransfers. In: Antos, Gerd & Wichter, Sigurd (2009): Transferwissenschaften. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH 

Hess, Jürgen C. (2012): Duden Unnützes Sprachwissen. Duden Verlag

Montag, 21. April 2014

19: Ratgeber zur Schriftlichkeit des 21. Jahrhunderts


Der junge Chatter hier - sei diese Konversation nun echt oder, was eher anzunehmen ist, für eine Funwebsite erstellt worden - hat die Tücken der modernen Schriftlichkeit eindrücklich kennen gelernt. Kommunikation verläuft erfolgreich, wenn die Gesprächspartner die Ziele erreichen, die sie mit ihrer kommunikativen Aktivität verfolgen. Manchmal wollen wir einfach nur plaudern, "damit geplaudert ist", aber gelegentlich möchten wir auch Informationen vermitteln, Emotionen auslösen, erklären, überzeugen etc. Dafür muss man sich auf die richtige Art und Weise verständlich machen. Schon im Gespräch von Angesicht zu Angesicht tun wir uns damit aber immer wieder mal schwer. Im schriftlichen Kanal ist das noch einmal eine Stufe anspruchsvoller. Und heutzutage verläuft bekanntlich sehr viel Kommunikation schriftlich - besonders per Chat, SMS oder E-Mail. Das bringt Herausforderungen mit sich, und die will ich heute behandeln und anhand meines Wissens aus der Verständlichkeitswissenschaft kommentieren.

Schriftliche Sprache bietet verschiedenste Stolpersteine auf dem Weg zu kommunikativen Zielen. Die oberste Verständlichkeitsproblemebene ist bei Texten die Leserlichkeit (legibility). Ja, handschriftliche Dokumente sind bei Chat, SMS und E-Mail nicht zu erwarten. Deswegen zeigen sich die Leserlichkeitsprobleme hier in leicht anderer Form: Man vertippt sich schnell einmal, und die unvollständige oder orthographisch fehlerhafte Nachricht bleibt - auch wegen unserer jeweils-ganze-Wörter-scannenden Gehirne - oft unbehelligt und ist dann auf Knopfdruck schnell versandt, besonders bei spontanen Chat- oder SMS-Nachrichten (nicht vergessen: Eiiigentlich kann man nicht "SMS verschicken", denn das Akronym "SMS" steht für "short message service". Wer will den gleich den ganzen Dienst versenden? Aber was soll's, diese metonymieähnliche Sprachkreation ist längst fest in der deutschen Sprache verankert - während man etwa in englischsprachigen Gebieten stets korrekt von "text messages" spricht.). Bei E-Mails (eigentlich auch falsch: "Mail", genau wie das deutsche Pendant "Post", kennt keinen Plural. "E-Mails" hat sich der Einfachheit halber durchgesetzt...) ist aufgrund der meist längeren Textkörper diesbezüglich auch auf eine annehmbare, übersichtliche Darstellung mit gut platzierten Absätzen zu achten - nicht nur bei Geschäftskorrespondenz! Es geht bei der Verwendung von Paragraphen ja nicht in erster Linie um ein professionell aussehendes Textbild, sondern um das Begünstigen der Verständlichkeit.

Danach folgt als nächste Ebene die Lesbarkeit (readability). Hierbei geht es um die Wortlänge, die Satzlänge und die syntaktische Komplexität (Satzschwierigkeit). Im Allgemeinen kann ja gesagt werden, dass schriftliche Texte Resultate von tieferer Reflexion sind als spontane mündliche Äusserungen und deshalb dazu neigen, längere Wörter und komplexere Sätze zu beinhalten. Aber beim Chatten und "Simsen" bleibt die spontane Note grösstenteils vorhanden. Die Schweiz ist da ein Spezialfall, da sie mit dem Dialekt sogar eine eigene Sprachvarietät hat, die fast ausschliesslich für den alltäglich- spontanen Sektor reserviert ist. Meist sind Chat- und SMS-Nachrichten kurz und simpel und beinhalten rein grammatisch manchmal nicht ganz einwandfreie Satzstrukturen, die für die mündliche Sprache charakteristisch sind und das Verständnis kaum behindern. Wer etwas elaborierter schreibt, achte auf folgende potenzielle Verständniserschwerer:

WORTEBENE 
Erschwerer: Ungebräuchliche Wörter (z.B. veraltete), Fremdwörter, Fachwörter, Abkürzungen, Akronyme, Komposita (möglichst nicht mehr als 3 Basisteile, sonst auflösen: z.B. Textverständlichkeitskonzeption -> Konzeption der Textverständlichkeit), Nominalisierungen (abgeleitet aus Verb, bezeichnet Tätigkeit/Prozess statt Gegenstand, z.B. unterscheiden – Unterscheidung, bewerten - Bewertung)

SATZEBENE
Erschwerer: Sachlogische Reihenfolge nicht eingehaltenVerbklammern/Umklammerungen (Verb auseinandergerissen), zuviel Info zwischen zusammengehörigen Satzteilen, Füllfloskeln (statt "zu einem späteren Zeitpunkt" -> später, statt "ein Ding der Unmöglichkeit" -> unmöglich), Nominalphrasen (Nomen mit zu vielen Adjektiven und Adverbialen drumherum), implizite Verknüpfungen (worauf beziehen sich Pronomen etc.)

Aber Achtung: Auf diese Dinge sollen Sie achten, Sie brauchen sie nicht gleich aus Ihrem Sprachgebrauch zu verbannen; besonders rhetorisch können sie teilweise wichtig sein! 

Die dritte und unterste Ebene ist die Verständlichkeit (comprehensibility). Sie betrifft den Inhalt und hängt ab von Vorwissen, Motivation, Ausbildung, Alter etc. der Leserschaft. Da man den Chat- oder SMS-Partner aber in der Regel gut genug kennt, kann man sich eine detaillierte Adressatenanalyse und entsprechende Massnahmen im Normalfall sparen. Dennoch gilt im Allgemeinen: Denken Sie immer ausreichend an Ihr Zielpublikum und dessen Voraussetzungen, wenn Sie etwas schreiben!

Zum Abschluss noch ein paar Tipps: 
-Überfliegen Sie Ihre Nachrichten, bevor Sie beiläufig auf "Senden" klicken/tippen!
-Beim Schreiben fehlt Ihnen das paralinguistische Inventar (Mimik, Gestik, Intonation etc.). Versuchen Sie zu erkennen, wie man Ihre Äusserungen ohne diese Mittel falsch verstehen könnte. Lesen Sie zum Beispiel mal den folgenden Satz mehrmals, und betonen Sie dabei jedes Mal ein anderes Wort: "Ich habe dir das Geld nicht gestohlen!". 
-Unterschätzen Sie bei informellen Nachrichten nicht die Vorteile von Emoticons, die die Mimik teilweise ersetzen können.
-Seien Sie explizit, wiederholen Sie sich gelegentlich (z.B. Nomen wiederholen statt Pronomen verwenden).
-Zögern Sie auch beim Chatten nicht mit Rückfragen zum eigenen Verständnis und dem des Gegenübers. 

Und lassen Sie sich vor allem folgendes gesagt sein: Wenn ein wichtiges, emotionales Gespräch ansteht, dann will ich Ihnen als Sachverständiger raten, dass Sie es in den mündlichen Kanal verlegen und sich face-to-face treffen. Dann haben Sie alle Mittel für konstruktives und verständnisorientiertes Kommunizieren in optimaler Verfügbarkeit beisammen - und wenn wir uns schon da so oft missverstehen, wie soll das da erst im schriftlichen Kanal ausgehen? Mit den Vorteilen eines klassischen, mündlichen Gesprächs kann kein schriftliches Medium mithalten! Ich hoffe, das geht im elektronischen Zeitalter nicht vergessen. Long live the Mündlichkeit!

-Der Sprachbeschreiber